Rezensionen

 

 

 

 

 

 

Die Frankfurter Neue Presse vom 06.12.2017 hat eine Rezension von Marcus Reinhardt  über "Sophie, die Traumspezialistin"  gedruckt, über die ich mich selbstverständlich sehr freue. Vielen Dank!

Siegfried Arlt, Diplom Kulturwissenschaftler, Vorsitzender der Goethegesellschaft Chemnitz e.V.

Homepage: www.goethegesellschaftchemnitz.de

Beate Thieswald-Schechter: „Ostdeutsche Geschichten“ 

tredition Hamburg 2014, 168 S. 

 

Der weniger spektakuläre Titel des Buches beinhaltet drei Geschichten, „Der Traum“, „Musterung“ und „Über Ungarn weg“. 

Wahre Begebenheiten im Spannungsfeld einer zerrissenen Welt. 

Zwei  diametral entgegengesetzte Weltsysteme stehen sich gegenüber. 

Für uns Deutsche bedeutete das nach 1945, die Bundesrepublik Deutschland, für die die freie Markwirtschaft mit ihrem schillernden Wirtschaftswunder zum Synonym wird und die Deutsche Demokratische Republik, die sich von vorn herein mit grundhaft veränderten Eigentumsverhältnissen als Diktatur des Proletariats  versteht. Zwei deutsche Staaten, die unter den Einflüssen des „kalten Krieges“  immer weiter auseinander triften, um schließlich Gefahr zu laufen, die Merkmale einer Nation gänzlich zu verlieren. – Das einende Band der Sprache, wenn auch belastet, zerreißt, allen Anfechtungen zum Trotz, nicht!

Für die ganz alltäglichen Beziehungen der Menschen untereinander stellte sich aber mit den Jahren eine andauernde starke Belastung, ein physischer, wie seelischer Druck ein. Ängste und Nöte beschwören in dieser langen Zeit  ganz peu a peu unglaubliche Schicksale herauf, an die anfangs keiner zu denken wagte.  Verweilen wir kurz bei der ersten der drei Geschichten. 

„Der Traum“. Anna Spangenberg ist mit ihren Kindern Johannes, Martha und Elisabeth, genannt Lotte, im Jahre 1949 im einstigen mondänen Kurbad Heiligendamm zu einer ärztlich verordneten Erholungskur eingetroffen. Die Fahrt hierher war beschwerlich und wollte partout kein Ende nehmen.  Der überwältigende Anblick des Meeres entschädigt sie für die Mühen des Tages.  Die Lust gleich baden zu gehen, verfliegt in Anbetracht des knurrenden Magens.    

Die folgenden Tage halten für sie und die Kinder unvergessliche Erlebnisse bereit. Bis zu dem Augenblick ist alles unbelastet, an dem Martha, die Zwölfjährige, in Gedanken versunken, die Mama an Vati erinnert, der sich im fernen Sibirien in russischer Kriegsgefangenschaft befindet.  

„Wie schön wäre es, wenn er hier sein könnte“, sinnt Martha nach. „Ja, auch mir fehlt er“, entgegnet ihr wehmütig die Mutter.

„Sein letzter Brief ist ein halbes Jahr alt, und gesehen haben wir ihn vor sechs Jahren zum letzten Mal“.  „Ich glaube nicht, dass es ihm dort in Sibirien wirklich so gut geht, wie er schrieb“.  Mutter tröstet, „ ... wir müssen einfach hoffen und beten. Was sollen wir sonst tun?“

Mit der folgenden Nacht aber kommen sie über sie, wie finstere Wolken, die Träume, die Gedanken an durchwachte Bombennächte -  an zu Hause – an Wilhelm,  ihren  Mann - dem Vater ihrer Kinder. Traumbilder, die sie nicht mehr loslassen wollen und immer drastischere Züge annehmen. 

Sehnsucht greift nach ihr und die Ungewissheit quält sie, bis sich Traum und Wirklichkeit nach wiederholten Visionen dieser Art miteinander vermischen. So reift  in ihr der Entschluss nach Hause zu fahren – um möglicherweise, wie es ihr einer der Träume verhieß, Wilhelm wieder zu begegnen ... 

Das alles erzählt Beate Thieswald-Schechter so mitreißend, so authentisch, als wäre es ihr selbst widerfahren. Kein Zweifel, dass ihre beruflichen Erfahrungen als  Sozialpädagogin und Familientherapeutin sie dafür geradezu prädestinieren.

Die zweite Geschichte „Musterung“ handelt von Hans Schöller, dem Schüler, dem Mitglied der jungen Gemeinde, dem Tagträumer, dem gerade die Aufforderung zur Musterung ins Haus geflattert ist. Ausgerechnet jetzt, kurz vor dem Ende der schriftlichen Prüfungen zum Abitur, wohlgemerkt,  Abi mit Berufsausbildung. 

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes der genau weiß, was er will. Er will keine Schuld auf sich laden, will anders sein als Vater und Großvater, er, der diese Welt mit kritischen Augen sieht, der seine ganz eigenen Vorstellungen von seinem Leben hat und die er ganz plötzlich gestört sieht. Dem Willensstarken, den nun die Angst beschleicht, wegen seiner Haltung als Wehrdienstverweigerer im Gefängnis zu landen ... er, der Pazifist – der sich Rat in den Schriften Dietrich Bonhoeffers holt  –  sollte das jetzt alles anders werden? 

Mit dieser Geschichte gelingt der Autorin eine großartige Studie, voller Ehrlichkeit, voller Wahrhaftigkeit. Sie zeichnet einen Menschen mit den Wesenszügen eines erstrebenswerten Charakters.

Dass sie für den Leser am Ende sogar noch eine liebevolle Überraschung bereit hält, sei nur am Rande, aber umso erfreulicher vermerkt.

Und da zu allen guten Dingen drei gehören, endet das Buch mit der Geschichte „Über Ungarn weg“. 

Zunächst fahren Gabriele und der acht Jahre ältere Robert, wie die beiden Jahre zuvor, mit dem Motorrad, diesmal sogar mit Beiwagen, nach Ungarn in den Urlaub. Gabriele ist gerade zwanzig ...  „Seit dem Passieren der ungarischen Grenze hatte sich mein wunderbar aufgeregtes Gefühl entschieden verstärkt. Wir waren nun hier, mitten im Geschehen, das alle westlichen Nachrichtenkanäle dominierte. Die Jugend der DDR floh über Ungarns grüne Grenze in den Westen. Ich war jung und hatte Sehnsucht nach Leben und nach Freiheit.“ Aber dachte wohl Robert ebenso? Offenbar waren im Umfeld des Zeltplatzes alle anderen auch von diesem Gedanken getragen. 

In einem der leisen Zwiegespräche im Zelt erinnert sich Gabriele, gehört zu haben, dass es wohl bald kein Visum mehr geben könnte, und damit auch dieses Reiseziel passee wäre. Robert dagegen raunt: „Ich mache mir auch die ganze Zeit Gedanken, aber – ich habe auch Angst, wegen meiner Stasivergangenheit.“ Wenngleich Robert nur dem technischen Dienst angehörte, Kabel verlegte, also Strippenzieher war, er war dabei. – Tausend Gedanken jagen nun beiden durch den Kopf – Gabis Ausbildung, die Eltern, ja - und schließlich die Arbeit, werden sie Arbeit bekommen? Oder sollen sie lieber einen Ausreiseantrag stellen?

Und nach allem „Wenn und Aber“ die bange Frage Gabis an Robert:

„Das würdest du tun wollen?“  Und Robert entgegnet: „Ja, ich glaube schon ...“ 

Traum und Wirklichkeit prallen nun auf der Flucht so vehement aufeinander, dass einem bisweilen der Atem stockt. 

Hier nun schreibt sich die Autorin das selbst Erlebte von der Seele und resümiert: „Wie viel  Hoffnung, wie viel Glück waren da. Wir waren so groß wie nie zuvor“. 

 

Fazit: 

Bücher suchen sich bekanntlich ihren eigenen Weg  -  gut, sage ich, da erfahren hoffentlich die vielen Leser etwas mehr von dem, wie es in der einstigen DDR wirklich war. Und so stellte auch ich mir die Frage, was vermag eigentlich ein Buch wie dieses? Mich hat es froh und zuversichtlich gestimmt und sogar die Lust geweckt, das nächste Buch von dieser Autorin zu lesen. 

 

 

Siegfried Arlt